Die Kälte jenseits der Träume
Zweisrachige Ausgabe
Marten Munsonius (Hrsg.)
Erzählungen von Siefener, Voehl, Haensel, Alpers, Bekker und anderen
ISBN 3-93116445-4
Preis: 10,-€
Leseprobe
Michael Siefener - Die Kälte jenseits der Träume
Der graue Mann ging immer schneller; er lief beinahe. Nahmen diese Tunnel denn nie ein Ende? Die Wände waren nicht mehr gekachelt. Bloßer Beton bäumte sich auf und verlor sich hoch oben in Schwärze. Wie aus dem Nichts hingen an langen Kabeln nackte Glühbirnen herab. Einige brannten, einige waren tot. Einige flackerten. Auch in den Betonwänden flackerte es. Es phosphoreszierte. Ablagerungen, Schwefel, wegen der Feuchtigkeit, dachte er. Das Flackern zog nicht nur seine Blicke an, sondern auch seine Gedanken.
"Der Leichnam des Künstlers - warum ist er verschwunden?" fragte er flüsternd.
"Sie werden es sehen. Und dann werden Sie es verstehen."
Er spürte, wie ihn ein fauliger, warmer Luftzug von vorn anwehte. Lebenswarm. Menschenwarm. Er begann in seinem schwarzen Mantel zu schwitzen.
"Sehen Sie dort hinten die Nische? Da ist es. Gehen Sie nur hin, trauen Sie sich", sagte der graue Mann.
Er sah die Nische im Licht der Glühbirnen und der flackernden Wände. Rasch ging er auf sie zu. Etwas lag dort auf dem harten, kalten Boden. Jemand. Er bückte sich. Es war der verschwundene, verschollene Leichnam des Künstlers.
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